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29.10.2026 | Kerstin Bredehorn

Reformer-Boom: Ist das eigentlich noch Pilates?

100 Jahre alt – und plötzlich Trend

@Bredehorn

Reformer Pilates ist überall. Neue Studios entstehen, Fitnessstudios erweitern ihr Angebot und in den sozialen Medien sieht man kaum ein Trainingsgerät häufiger als den Reformer. Dabei könnte der Eindruck entstehen, hier sei gerade eine neue Form des Pilates-Trainings erfunden worden. Das Gegenteil ist der Fall: Der Reformer feiert 2026 seinen 100. Geburtstag. Joseph Pilates entwickelte das Gerät als Teil seines umfassenden Trainingssystems – neben der Matte und weiteren Apparaten wie Cadillac, Chair oder Barrel. Der Reformer ist also keine moderne Weiterentwicklung des Mattentrainings. Neu ist nicht das Gerät. Neu ist der Boom, den es gerade erlebt. Und dieser Boom ist durchaus nachvollziehbar: Training auf dem Reformer macht Spaß, ist wirkungsvoll, variabel und funktional. Die Federn können unterstützen oder Widerstand geben, der bewegliche Schlitten eröffnet zahlreiche Bewegungsmöglichkeiten und das Training lässt sich an sehr unterschiedliche Voraussetzungen anpassen. Doch mit der wachsenden Popularität stellt sich eine Frage, die in der aktuellen Begeisterung häufig untergeht: Ist jedes Training, das auf einem Reformer stattfindet, automatisch Pilates? Meine Antwort darauf ist klar: Nein. Denn Pilates definiert sich nicht über ein Trainingsgerät. Pilates ist ein System.

Der Reformer macht noch kein Pilates

Pilates folgt bestimmten Prinzipien. Kontrolle, Präzision, Zentrierung, Atmung und Konzentration prägen die Ausführung. Kontrolliert bedeutet dabei keineswegs automatisch langsam. Entscheidend ist vielmehr, dass eine Bewegung bewusst ausgeführt wird – und dass die Lehrkraft nicht nur Übungen ansagt, sondern tatsächlich unterrichtet. Das beginnt bei einer präzisen Ausgangsposition und setzt sich während der gesamten Bewegung fort. Wie ist der Körper organisiert? Woher kommt die Bewegung? Wie kann die Atmung sie unterstützen? Welche Federstärke ist für diesen Menschen und diese Übung sinnvoll? Denn nicht jede Übung passt in diesem Moment zu jedem Menschen. Vielleicht brauchen Teilnehmende zunächst eine Modifikation, die eine Bewegung zugänglicher macht. Andere benötigen eine anspruchsvollere Variante. Genau darin liegt eine der großen Stärken des Reformers: Er lässt sich individuell anpassen – vorausgesetzt, die Lehrkraft erkennt, was der Mensch vor ihr gerade braucht. Dazu gehören für mich auch taktile Korrekturen. Pilates-Unterricht lebt vom Beobachten, vom Korrigieren und vom individuellen Vermitteln. Zu große Gruppen, Dauerbeschallung und kaum individuelle Korrekturmöglichkeiten machen es unmöglich, diese Qualität zu halten. In einer Pilates-Reformer-Stunde braucht es Blickkontakt, manchmal eine Berührung, eine präzise Anleitung und eine ruhige Korrektur.

Pilates wirkt. 

Denn Pilates ist mehr als eine Aneinanderreihung von Übungen. Wir lernen Bewegung – und dieses Lernen soll sich auf das Leben außerhalb des Studios übertragen. Eine bessere Haltung und eine bewusstere Ansteuerung des Körpers helfen uns im Alltag. Gleichzeitig kann Pilates eine Grundlage dafür schaffen, andere Sportarten besser und langfristig ausüben zu können. Was ich auf dem Reformer über meinen Körper und meine Bewegung lerne, endet also nicht mit der letzten Wiederholung. Auch deshalb ist maximale Erschöpfung für mich kein Qualitätsmerkmal einer Pilates-Stunde. Natürlich darf Pilates anstrengend sein. Aber idealerweise gehe ich danach aufrechter, wacher und vitalisiert aus dem Studio. Ich spüre, dass ich trainiert habe – ohne mich danach ausgelaugt zu fühlen. Tradition kennen, Entwicklung erlauben Wenn wir über Qualität sprechen, kommen wir an der Ausbildung nicht vorbei. Pilates zu unterrichten ist ein Lernprozess und kein Wochenendprojekt. Es braucht Zeit, um nicht nur Übungen zu kennen, sondern die Zusammenhänge und die Tiefe der Methode zu verstehen. Dazu gehört für mich auch die Kenntnis der ursprünglichen Übungen und Reihenfolgen, die von Joseph Pilates und seinen Schülern, den sogenannten Pilates Elders, weitergegeben wurden. Sie bilden bis heute eine Art internationale Sprache des Pilates. Wer diese Sprache beherrscht, kann sie variieren und weiterentwickeln. Er muss es aber nicht. Auch traditionelles Pilates, das sich bewusst an den überlieferten Übungen und Reihenfolgen orientiert, hat seinen Wert. Weiterentwicklung ist eine Möglichkeit, keine Verpflichtung.

Reformer im Fitnessstudio: Qualität vor Marketing

Für Fitnessstudio-Inhaberinnen und -Inhaber kann der Reformer eine echte Bereicherung sein. Er zieht Menschen an, eröffnet neue Trainingsmöglichkeiten und bietet die Chance, das bestehende Angebot zu erweitern. Doch bevor Reformer angeschafft und Kurse in den Stundenplan aufgenommen werden, sollte eine entscheidende Frage geklärt sein: Was möchten wir eigentlich anbieten – ein Workout auf dem Reformer oder Pilates? Beides kann gutes Training sein. Wer aber „Pilates“ auf den Stundenplan schreibt, sollte auch die Voraussetzungen dafür schaffen. Wer unterrichtet die Stunden? Welche Ausbildung bringen die Lehrkräfte mit? Wie groß sind die Gruppen? Ist individuelle Betreuung möglich? Und erlaubt das Konzept überhaupt, dass die Pilates-Methode vermittelt wird? Der Reformer-Boom ist eine große Chance für die Fitnessbranche – und vielleicht auch eine Chance, noch mehr Menschen für Pilates zu begeistern. Dafür müssen wir nicht jedes Training auf einem beweglichen Schlitten Pilates nennen.

Nicht alles, was auf einem Reformer stattfindet, ist Pilates. Und nicht alles, was kein Pilates ist, ist deshalb schlechtes Training. Beides darf existieren. Entscheidend ist, dass wir wissen – und ehrlich benennen –, was wir unterrichten. 


Autor

Kerstin Bredehorn

Gastautorin
www.pilatesandfriends.com
www.medical-stretching.com

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